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Jan Delay, Mercedes-Dance
VÖ: 04.08.2006, Label: Universal Music Group
Meine erste Begegnung mit dem Glatzkopf war 1998, allerdings nur medial, via MTV, jenem Sender, der mehr auf Datingshows, öffentliche Selbsterniedrigung und andere Abartigkeiten setzt, denn auf Musik. Aber egal. Der Typ nervte mit seinem nasalen Timbre, seinem eigenartigen Aussehen und überhaupt dem „Liebeslied“, das damals auf heavy Rotation auf dem „Musikkanal“ lief. Es war die Zeit als eine Truppe namens „Absolute Beginner“ und mit ihr der deutsche Hiphop zu einem Höhenflug ansetzte, dessen Ausläufer noch heute spürbar sind, allerdings auf anderem Niveau (siehe „Arschficksong“ von Sido). Tja, der erste Eindruck stimmte – nicht. Schon bei der zweiten Single „Rock On“ von der Scheibe „Bambule“ hatten mich die „Beginner“ überzeugt. Somit auch Jan Delay aka Eizi Eiz oder bürgerlich Jan Phillip Eißfeldt, einem Drittel der Combo, der uns fünf Jahre nach seinem ersten Solo-Album „Searching For The Jan Soul Rebels“ diesen Sommer mit einer neuen CD beglückt. „Reggae ist tot, jetzt ist der Funk dran.“ Schon im Intro zu „Mercedes-Dance“ stellt Delay klar, worum es geht. Es ist letztendlich ein weiterer Schritt in der Entwicklung des Rappers zum musikalischen Allrounder. Der dreißigjährige Hamburger sah und sieht sich wie kein anderer aus der Szene in anderen Musikstilen um. So hört man auf „Mercedes-Dance“ tatsächlich verzerrte Gitarren und sieht ihn, szenefremd, in Anzug und Krawatte, mit Hut und ohne Baseballcap. Und mit eigener Band „Disco No. 1“. Das Ergebnis des Stilwechsels: Ein stringent produziertes Funk-Dub-Album, mit deutschsprachigen Raps in seiner typischen Stimmlage – dem wichtigsten Instrument des Norddeutschen – und fetten Beats. Delay liebt das Wortspiel. Er beobachtet die Gesellschaft und gießt seine Betrachtungen in Aphorismen und Metaphern. Seine Lyrics beißen. Vieles erschließt sich erst beim zweiten Durchgang: „Kartoffeln“ etwa, dem dritten Track auf der CD, ist ein Song „über dieses öde Gemüse und seine Eigenschaft, Stärke zu besitzen, aber leider keinen Geschmack.“ Er vergleicht seine Landsleute – klischeehafte Humorlosigkeit, Steifheit, Ordnungswut, schlechter Kleidungsstil – mit dieser Knollenfrucht. Bei uns heißt jener Typ eben Piefke. Der Hanseat nimmt sich, scheint’s, auch der österreichischen „Hättiwari“-Mentalität an. Dargelegt im letzten Stück der Scheibe, das mit Udo Lindenberg gesungene „Im Arsch“ (ein sic! wäre hier fehl am Platz, hat er doch schon auf seiner „Rebels“-Platte mit Xavier Naidoo (sic!!!) einen Song eingespielt). Schließlich sei „alles im Arsch“ und „am Ende“, es bleibt nur „hätte, würde, könnte“. Wenn das nicht die Grundstimmung unserer Gesellschaft trifft. Also, es wird Zeit den eigenen Arsch zu bewegen, am besten am Tanzparkett, beispielsweise zu „Klar“ einem astreinen Dancefloor-Pop-Hit und damit logischerweise die erste Singleauskoppelung, weil mit Chartpotenzial. Bemerkenswert auch deswegen, weil der Song ohne Botschaft auskommt, zumindest ohne kritische.
Tracklisting
- Mercedes-Dance Intro
- Klar
- Kartoffeln
- Kirchturmkandidaten
- Für immer und dich
- Feuer
- Gasthaus zum lachenden Stalin
- Plastik
- Ahn´ ich gar nich´
- Raveheart
- Im Arsch feat. Udo Lindenberg
Jan Delay
22.08.2006 von max

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